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Geschichte
der Gewerkschaft Druck, Journalismus, Papier
Da
haben wir sie also:
Unsere
Geschichte, unsere Vereinsgeschichte. Von ihr können
wir uns nicht trennen. Sie ist ein Teil von uns, wir sind
ein Teil von ihr. Sie beginnt für uns 1842 mit der Gründung
des Unterstützungsvereins für erkrankte Buchdrucker
und Schriftgießer in Wien. Sie waren damit die ersten
Arbeitergruppen, die sich gegen Not und Elend eine Interessenvertretung
schufen, eine Basis für die heutige Gewerkschaft. Ähnliches
geschah auch in den übrigen Kronländern, wo als
letzter der Zentralisierte Buchdrucker- und Lithographenverein
"Ognisko" 1879 ins Leben gerufen wurde. Frühere
Versuche, etwa die unter der Herrschaft der Prinzipalswillkür
stehende Kranken- und Sterbekasse der Buchdrucker in Linz
(1803) oder jener Versuch der Innsbrucker Kollegen (1828),
der am Finanziellen scheiterte, bleiben dabei unberücksichtigt.
Sie seien angeführt, weil sie in eine Zeit fallen. da
die "Herren Künstler, die ,Intelligenten Typographen'
in der Metropole des Reiches, in Wien, in unverzeihlicher
Untätigkeit verharrten", was ihnen wohl zu Recht eine
herbe Beurteilung seitens der Chronisten einbrachte.
Am
9. August 1848 wurde der Beschluss gefasst, einen "Gutenbergverein
der Buchdrucker Wiens" zu gründen, nicht zuletzt, um
hinter die Abmachungen doch mehr Kraft zu stellen. Bemerkenswert
sind einige Punkte aus dem Arbeitsprogramm:
- Gleichstellung
der politischen Rechte der Arbeiter mit den anderen Ständen;
- Einsetzung
eines Arbeitsministeriums, in dem Arbeiter und Unternehmer
vertreten sein sollen;
- vollkommen
freie Gewerbeberechtigung;
- Festsetzung
einer kürzeren Arbeitszeit;
- Schaffung
von Kranken- und Invalidenkassen mit staatlicher Beihilfe;
- Überreichung
der Ergebnisse des Arbeiterparlaments an den Reichstag mit
der Forderung, die Wünsche und Bedürfnisse der
Arbeiter Österreichs zu berücksichtigen, respektive
ihnen gerecht zu werden.
Diese
Programmpunkte legen doch ein beredtes Zeugnis davon ab, dass
unsere Kollegen schon vor rund 150 Jahren nicht nur die Bedeutung
der Arbeitszeitverkürzung, sondern auch den Wert der
Bildung der Arbeiter und der Schaffung einer staatlichen,
sozial gehobenen Umwelt erkannt haben. Die Unterstützung
der Armen und Alten blieb noch lange im Wirkungsbereich der
Arbeitervereine. Und das nur unter gewaltigen Schwierigkeiten.
So wurden beispielsweise der Gutenbergverein in seiner Tätigkeit
noch 1848 behördlicherseits stillgelegt, am 11. Februar
1850 ein Invalidenfonds gegründet, am 15. März 1852
der Gutenbergverein sowie der Invalidenfonds von Staats wegen
aufgelöst und erst 16 Jahre später an die Nachfolgeorganisation
"Allgemeiner Unterstützungsverein für erkrankte
Buchdrucker und Schriftgießer in Wien" zurückerstattet.
Das sei nur als Beispiel für das ständige Auf und
Ab angeführt, da man den Unterstützungsaufgaben
oft nur recht und schlecht und in Abhängigkeit vom Spendenwillen
der Kollegen und Prinzipale nachkommen konnte, was natürlich
auch für die anderen einschlägigen Berufsgruppen
galt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Unterstützungswesen
fortgesetzt, ein Zusatzfonds gebildet und bis 1965 erhalten.
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Von
Anfang
an macht unsere Geschichte den unersetzbaren Wert einzelner
mutiger, zukunfts- und zielbewusst agierender Funktionäre
oder auch kleiner, gleichgesinnter Kollegengruppen für
die Organisation deutlich: Das gilt heute in gleicher Weise
wie im vorigen Jahrhundert. Genauso müssen wir aber auch
erkennen, dass die großen Erfolge in der Vertretung
der Interessen der Mitglieder nur von diesen im gemeinsamen,
geschlossenen Vorgehen erreicht werden können. Streiks
müssen nicht das Zeichen großer Stärke sein.
Das zeigte schon der erste arbeitsrechtliche Kampf: Am 6.
Februar 1870 musste den Kollegen in einer allgemeinen Buchdrucker-
und Schriftgießerversammlung mitgeteilt werden, daß
ihre berechtigten Forderungen vom Gremialvorstand zurückgewiesen
worden seien.
Am
7. Februar 1870 kündigen die Kollegen in einer ziemlich
geschlossenen Aktion, am darauf folgenden 19. Februar erfolgt
ihr Austritt, am 19. März 1870 kehren die Zeitungsarbeiter
mit einigen Zugeständnissen geködert und nach Ausflüchten
suchend - wieder an ihren Arbeitsplatz zurück. Die Unternehmer
haben Oberhand gewonnen.
So
würde das heute wohl nicht laufen. Aber es war eben ein
weiter Weg bis zur heutigen starken Gewerkschaft Druck, Journalismus, Papier, die in ihrer Geschlossenheit so bahnbrechende Erfolge
auf dem Verhandlungsweg erwirken konnte, wie den für
Europa beispielgebenden ITS-Kollektivvertrag (1981) oder die
erste Arbeitszeitverkürzung in Österreich hin zur
35-Stunden-Woche (1985: von 40 auf 38 Wochenstunden) sowie
weitere Schritte der Arbeitszeitverkürzung bis zur 34-Stunden-Woche
(ab 1997, 4. Schicht, graph. Gewerbe), und zwar bei vollem
Lohnausgleich und ohne jedwede Flexibilisierung der Arbeitszeit.
Zunächst
aber ging es noch um kollegiale Hilfestellungen, um Unterstützungsvereine
bei allen Beschäftigtengruppen im Druckerei-/Buchbindereibereich
Wiens und der "Provinzen", den Kronländern beziehungsweise
späteren Bundesländern. Alle hatten ihre eigene,
wenn auch durch behördliche Auflösungen und Verhaftungen
von Funktionären durchaus ähnliche Geschichte mit
ähnlichen Erfolgen, Misserfolgen und Erkenntnissen. Eine
Zentralisierung unserer vielen Arbeitervereine für effektivere
Verbandsaktivitäten wurde von der Kollegenschaft schon
bald angestrebt, aber behördlicherseits wurde jede dieser
frühgewerkschaftlichen Bemühungen massiv unterdrückt.
Um wenigstens lose Verbindungen zu den Kronlandsvereinen herzustellen,
wählten die Buchdrucker die Bildung einer durch den Staat
nicht bewilligungsbedürftigen Kommission. Ein weiterer
wirksamer Schritt in Richtung Vereinigung der vielen Verbände
ist in der Gründung des Graphischen Kartells am 15. April
1921 zu sehen.
Dieses
fasste den Verband der Vereine der Buchdrucker und Schriftgießer
und verwandter Berufe Österreichs (einschließlich
der bei den Wiener Zeitungen Beschäftigten), den Reichsverein
der Hilfsarbeiter des Buchdruck- und Zeitungsgewerbes Österreichs,
den Österreichischen Senefelderbund und den Verein der
Buchbinder und Papierarbeiter Österreichs zusammen. Mit
Beginn des Jahres 1923 konnte schließlich der auf dem
ordentlichen Verbandstag am 17. Dezember 1922 gegründete
Reichsverein - also die Vereinigung aller Gehilfen und Hilfsarbeiter
- seine Arbeit aufnehmen. So sehr unsere nunmehr über
150jährige Vereinsgeschichte eine Geschichte des Weges
zu einer starken Gewerkschaft ist, so sehr lehrt sie uns,
sie weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart oder
Zukunft aus dem allgemeinen Zeitrahmen herauszulösen.
Die Situation der arbeitenden Menschen im Vormärz spottet
nahezu jeder Beschreibung - zum Verständnis seitens der
heutigen Kollegenschaft. Die am Anfang des 19. Jahrhunderts
und auch in der Folgezeit in den "Kunsttempeln" Konditionierenden
galten als "Subjekte" und "Knechte" niedrigster
Kategorie. Sie standen in totaler Abhängigkeit von ihrem
Prinzipal. Die täglichen Arbeitszeiten lagen bei 12 bis
16, selten unter 14 Stunden. Auch sonntags, selbstverständlich.
Ein Fernbleiben wegen Krankheit war nicht selten gleichbedeutend
mit Arbeitsplatzverlust sowie unbeschreiblicher Verarmung
des Betroffenen und seiner Familie.
Überhaupt: Arbeitslosigkeit, Hunger und Wohnungsnotstand
waren so wie ruinöse Kinder- und Frauenarbeit die Merkmale
der wirtschaftlichen Situation in der k.u.k. Monarchie. In
den Betrieben bestimmten ausschließlich die Prinzipale
Lohn- und Arbeitsbedingungen, was wohl keiner weiteren Erläuterung
bedarf. Dabei hatten die Buchdruckergehilfen in ihrem Postulat,
der Zunftsordnung, eine Position erworben. Da das Buchdruckergewerbe
den Universitätsrektoraten unterstand, bedeutete dies
- verglichen mit anderen traditionellen Zunftsordnungen -
mehr Freiheiten und Rechte. Doch wurde das Aufsichtsrecht
der Universitäten - so in Wien 1767 - aufgehoben. Die
ganze Lage der Arbeiter im Vormärz macht es nur zu verständlich,
dass in dieser Phase die Sorge den Ärmsten der Armen,
vor allem den Kranken, galt. Dieses Los konnte aber natürlich
jeden ereilen. Es entstanden also zunächst vom Solidaritätsgedanken,
wohl aber zum Teil auch von den Überlegungen zum eigenen
Wohl getragene und unter Unternehmerbeteiligung stehende Unterstützungsvereine.
Wir
kennen das aus der Geschichte der österreichischen Arbeiterschaft,
mit der wir unsere Vereinsgeschichte untrennbar verbunden
sehen, was als eine weitere bedeutende Erkenntnis gelten mag.
Das gemeinsame Schicksal, so die Revolution 1848 mit ihren
anfänglichen, doch nur temporär wirksamen Erfolgen
und dem späteren Sieg der kaiserlichen Kamarilla, dem
behördlichen, sich gegen alle Einrichtungen der Arbeiterschaft
richtenden Terror - Vereinsauflösungen, Beschlagnahmungen
von Vereinsgeldern und Verhaftungen von Wortführern standen
auf der Tagesordnung - verbinden naturgemäß. Aber
auch gemeinsame Erfolge, etwa die Erlangung des Vereins- und
Versammlungsrechts in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts,
bewirken unauflösliche Gemeinsamkeiten. Als Erfahrung
aus unserer Geschichte gehört die Loslösung von
der Idee der Selbsthilfe im Sinne von Hermann Schulz-Delitzsch,
die so beschrieben wird: "Die Arbeiter sollten vom selbständigen
politischen und gewerkschaftlichen Kampf abgehalten und zu
einem beifallklatschenden Chor für die Politik der Bourgeoisie
degradiert werden. Dahinter stand auch der Versuch, den Abstieg
des Handwerkerstandes zu stoppen. Weiters sollten die Arbeiter
zunächst zu selbständigen Bürgern und dann
zu Unternehmern gemacht werden. Ein romantisches, rückwärtsgewandtes
Gesellschaftsbild, das in lauter Kleinunternehmen ohne Ausgebeutete
das Ideal sah." Schulze-Delitzsch vertrat die Meinung, dass
alle Missstände auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaftsordnung
durch Selbsthilfe gelöst werden könnten. Es wird
dies hier angeführt, weil es durchaus aktuelle Gleichnisse
gibt: Denken wir doch an die kollektiv errungenen Abfertigungen,
die etwa zur Lösung von betrieblichen Personalproblemen
auf typische kapitalistische Art und Weise - von Unternehmern
noch erhöht und von den Dienstnehmern unter Verzicht
auf Arbeitsplatz- oder Arbeitsrechtsicherung angenommen und
in die Gründung eines Kleinbetriebes investiert werden.
Das liegt weder im Sinne des Kollektivvertrages noch entspricht
dies unserem Geschichtsverständnis. Auch wenn der oben
Zitierte in seinem Referat meint: "In Österreich
hatten die Selbsthilfler ihre Stütze im 1864 gegründeten
Fortbildungsverein der Buchdrucker."
Selbstverständlich
stand auch der Fortbildungsverein des Jahres 1867 dem Unterstützungs-
und Selbsthilfegedanken nahe. Alles in allem genommen deckt
sich der Vereinsgedanke doch nicht mit einer strengeren Interpretation
der Selbsthilfe-Idee Schulze-Delitzsch. Außerdem folgte
am 26. Dezember 1867 der am 15. Dezember 1867 abgehaltenen
konstituierenden Versammlung des allgemeinen Arbeiterbildungsvereines
- wo den Selbsthilflern eine Absage erteilt wurde - eine Versammlung
der Buchdrucker, bei der Anhänger Lasalles geistig den
Sieg errangen, eine Voraussetzung "zu der großen
Bewegung, die Buchdrucker in ihrer überwiegenden Mehrheit
der Idee der Sozialdemokratie zuführte". Und damit stoßen
wir auf ein anderes, nicht nur von unserer Geschichte geschriebenes
Gesetz: Es ist - auch in einem demokratischen Staat - nicht
möglich, gesellschafts- oder wirtschaftspolitische Veränderungen
im Sinne einer Besserstellung der arbeitenden Menschen allein
mit und sei es bester Gewerkschaftsarbeit zu realisieren.
Natürlich ist die indirekte Einflussnahme durch Gewerkschaftsvertreter
in der Arbeiterkammer, auf partei- und wirtschaftspolitischen
Ebenen nicht mehr wegzudenken und auch unersetzbar. Aber ebenso
durch nichts ersetzbar ist das politische Engagement eines
Verbandes und des einzelnen Arbeitnehmers in jener Gruppe,
deren Ideologie seine Interessen im tages- und staatspolitischen
Geschehen vertritt. Die Aufgaben der Gewerkschaften waren
vornehmlich materieller Natur, sie galten der Abdeckung von
Grundbedürfnissen. So zogen unsere Kollegen verhältnismäßig
früh in den Kampf nicht nur mit den Prinzipalen, sondern
engagierten sich auch an der politischen Front. Sie waren
dabei nicht auf sich alleine gestellt.
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Am
7. April 1870 konnte die österreichische Arbeiterschaft
einen großen Erfolg verzeichnen. Das Koalitionsgesetz,
eine jahrelange Forderung, war in Kraft getreten. Ganz allgemein
gilt dies als Start für die Bildung der legalen Gewerkschaftsbewegung,
wenn es auch anfänglich durch zu enge Auslegung der Bestimmungen
zu großen Schwierigkeiten für die Arbeiterverbänden
kam: In Wien und in den Kronländern lösten die Behörden
Arbeiterbildungs- und Fachvereine auf. Das führte in
Wien zu gewaltigen Demonstrationen und Streiks, gegen die
Militär eingesetzt wurde. Sogar die für Wien zuständige
niederösterreichische Handels- und Gewerbekammer protestierte
gegen dieses Vorgehen.
Die
allgemeine Ablehnung des ministeriellen Terrors brachte schließlich
Verhandlungsbereitschaft der Behörden. "Die Arbeiterschaft
bestand darauf, dass die Truppen und die Polizeimannschaften
zurückgezogen werden sollten und die Vereine wieder reaktiviert
werden können. Die Arbeiter würden dann ihre Protestdemonstrationen
einstellen. Und mit ihrer mutigen Haltung erreichte die Arbeiterschaft
ihr Ziel: Die Statthalterei erklärte, dass der Neubildung
von Vereinen keine Hindernisse in den Weg gelegt würden.
Die Arbeiter begannen nun überall Gewerkschaftsvereine
zu bilden und auszubauen." Dann ging die Behörde wieder
einmal im Interesse der Unternehmer gegen unsere Organisation
vor: Sie löste im November 1872 den Fortbildungsverein
wegen angeblicher Statutenverletzungen auf, und die Prinzipale
jubelten in dem Glauben, ihre Gegner seien nun geschwächt.
Aber das Gegenteil trat ein: Noch im Dezember wurde im Rahmen
einer massenhaft besuchten, in den Wiener Sofiensälen
veranstalteten Generalversammlung der Verein der Buchdrucker
und Schriftgießer Niederösterreichs mit einer Unterstützungs-
und Fortbildungssektion ins Leben gerufen, der "ein Gewerkschaftsverein
in besten Sinne des Wortes werden sollte" (E. Narozny, "1842-1967").
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Von
Anfang
15.
Dezember 1873
1.
Mai 1890
1914
4.
November 1918
März
1921
1934
1920
21.
Februar 1934
1939
1945
18.
April 1945



Holzpresse aus dem 18. Jahrhundert. Auf dieser Presse erlernte der
nachmalige Kaiser Joseph II. als junger Erzherzog den Buchdruck
(Technisches Museum für Industrie und Gewerbe Wien)
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Am
15. Dezember 1873 erwarb übrigens der Verein der Buchdrucker
und Schriftgießer Niederösterreichs den Schrammhof,
damals noch in einer Wiener Vororteregion gelegen, vom Standpunkt
her aber noch heute Sitz der Zentrale der Gewerkschaft Druck, Journalismus, Papier. Das Haus musste um- und augebaut werden, um dann
ab dem 7. Juni 1874 der im Besitz der Kollegenschaft stehende
Sitz des Vereines mit der Bibliothek und einem großem
Lese- und Sitzungssaal zu sein. Noch vor der Jahrhundertwende
genügten die Räumlichkeiten allerdings nicht mehr.
Ein Umbau hätte keine zufriedenstellende Lösung
gebracht, so dass eine Generalversammlung am 21. März
1897 den Abriss des alten Schrammhofes beschloss, um an seiner
Stelle einen neuen, größeren, auch zukünftig
wachsenden Anforderungen gerecht werdenden Bau zu errichten.
Die
Finanzierung erfolgte durch die Mitglieder, die sechs Jahre
hindurch wöchentlich 20 Heller zusätzlich entrichteten.
1901 wurde die feierliche Grundsteinlegung vorgenommen, und
im August 1902 fand die Eröffnungsfeier statt. Den Ankauf
eines Vereinshauses hatten 1895 auch die Vereine der graphischen
Fächer und verwandten Berufe Österreichs beschlossen.
Es handelte sich um das Haus in Wien 7, Myrthengasse 16. Es
wurde zum Schätzwert von 39.500 Gulden (mit einer Hypothekenschuld
von 13.949 Gulden) erworben und über den Beschluss des
Senefeldervereines für Niederösterreich 1905 wieder
verkauft.
Die Senefelder zogen in das neue, schöne Heim in der
Zieglergasse. Schon vor dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts
erkannte die österreichische Arbeiterschaft auch immer
deutlicher die Notwendigkeit von internationalen gewerkschaftlichen
Verbindungen. Internationale Fachkonferenzen wurden abgehalten,
auch kamen internationale gewerkschaftliche Verbindungen zustande.
In
das Jahr 1889 fällt die Gründung des internationalen
Buchdruckersekretariats (IBS) in Paris. Sie wurde von den
Delegierten zum ersten internationalen Fachkongress beschlossen.
Diese befassten sich ferner auch mit der Schaffung eines internationalen
Widerstandfonds und stellten einen Katalog fortschrittlicher
Forderungen auf, etwa nach dem Achtstundentag, nach einem
Verbot der Kinderarbeit beziehungsweise nach Einschränkung
der Arbeit von Minderjährigen, nach Verbot beziehungsweise
Einschränkungen der Nachtarbeit sowie nach einer mindestens
36 Stunden währende Ruhezeit wöchentlich.
Das
Jahr 1890
begann für die österreichische Arbeiterschaft äußerst
bedeutungsvoll: Am 1. Jänner kam es zur Gründung
der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, die für
viele Arbeiter zur politischen Heimat wurde. Bei den ersten
Wahlen zum Reichsrat im Jahre 1897 waren alle männlichen
österreichischen Staatsbürger, die das vierundzwanzigste
Lebensjahr überschritten hatten, ohne Einschränkungen
wahlberechtigt. Welchen Anteil die Buchdrucker an den damaligen
politischen Verhältnissen hatten, zeigt wohl am deutlichsten
die Tatsache, dass von den sechzig Kandidaten der Sozialdemokratischen
Partei zehn Mitglieder unserer Gewerkschaft waren.
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1.
Mai 1890
Zu einem ganz großen Ereignis gestaltete sich dann der
1. Mai 1890. Die Buchdrucker Wiens versammelten sich am Vormittag
in den Sälen "Zu den drei Engeln", um die Beschlüsse
der Pariser Fachkonferenz 1889 zu akzeptieren und dann dem
1. Mai als arbeitsfreiem Tag jene Symbolik zu geben, die er
für uns noch heute hat. Politisch hart kämpfte die
österreichische Arbeiterschaft um ein allgemeines, gleiches
Wahlrecht. Auf dem Weg zum Durchbruch sollte an die große
Wahlrechtsdemonstration in Wien (28. November 1905) erinnert
werden, die von Massenveranstaltungen im ganzen Reichsgebiet
begleitet war. In Wien hatten Betriebe und Geschäftslokale
gesperrt, und in einem fünfstündigen Marsch bewegten
sich an die 250.000 Menschen schweigend am Parlament vorbei.
Allen voran die Buchdrucker.
Sie
sollten als erste in die Betriebe zurückkehren können,
um etwaige Flugblätter zur Information der Bevölkerung
herstellen zu können. Oskar Helmer formulierte: "Um 8
Uhr früh wurde jedweder Verkehr lahmgelegt, erst um 10
Uhr erreichte die erste Gruppe das Parlament. In diesem Augenblick
durchbrach die Sonne die Wolkendecke. Herrlich, grandios wirkte
dieser Strom von kampfentschlossenen Menschen, der sich über
die Wiener Ringstraße wälzte. Erst gegen 15 Uhr
zogen die letzten Demonstranten am Parlament vorbei: Die Durchbruchsschlacht
für das allgemeine Wahlrecht war gewonnen." Es gab dann
allerdings noch ein etwa zwei Jahre dauerndes Hin und Her,
ehe Kaiser Franz Joseph am 26. Jänner 1907 das neue,
noch immer gewisse Einschränkungen beinhaltende Wahlrecht
sanktionierte. Aber die Privilegien waren gefallen. Zufolge
einer Nachwahl wurde Kollege Karl Höger Reichsratsabgeordneter.
Weiters hatten die Wahlen selbst eine Entsendung der Buchdruckerkollegen
Josef Hudes (Lemberg), Franz Beutel (Aussig), Anton Nemec
(Prag), Wilhelm Nießer (Brünn), Johann Oliva (Triest)
und Julius Spielmann (Linz) gebracht. Politisches Engagement
und Übernahme von öffentlichen Funktionen war für
unsere Kollegen - und das hat volle Gültigkeit bis in
die Gegenwart - nie ein Dienst der Selbstgefälligkeit
oder Lukrativität, sondern bedeutete und bedeutet für
sie ernsthafte Auseinandersetzung mit den meist nicht zu gering
bemessenen Aufgaben.
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Uns
bekannte Namen seien als Beispiel der jüngsten und gegenwärtigen
Geschichte angeführt: Franz Jonas, Wiener Bürgermeister
und dann Bundespräsident; Anton Proksch, Sozialminister;
der schon erwähnte Oskar Helmer, Innenminister; Dr. Josef
Staribacher, Handelsminister, Rudolf Edlinger, Finanzminister,
die Zeit ihres Lebens unserer Gewerkschaft die Treue gehalten
haben, bis zu den heutigen Funktionären, wie Franz Bittner,
Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse; Herbert Bruna, ehem.
Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse; Franz Murmann, Funktionär
in der Pensionsversicherungsanstalt der Arbeiter sowie Karl
Schwarz und Helmuth Lawitz, die gemeinsam mit anderen Kolleginnen
und Kollegen als unser Vertreter in den Arbeiterkammern fungier(t)en.
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1914
war es klar: Diese Hoffnungen konnten nicht erfüllt werden.
Mit der Mobilisierung wurden 1200 Kollegen spontan aus graphischen
Betrieben gerissen, und doch mussten im September 1914 bereits
1100 Arbeitslose gezählt werden. Schon zuvor, im August,
musste die Organisation die Kranken- und Arbeitslosenunterstützung
einstellen. Ende 1915 registriert der niederösterreichische
Verein (Ende August 1914: 6750 Mitglieder) 3415 Eingerückte
(2503 Setzer, 762 Drucker, 150 Schriftgießer). 184 Kollegen
blieben auf den Schlachtfeldern. Von den Senefeldern (Ende
Juni 1914: 2570 Mitglieder) waren Ende März 1916 - 1155
Kollegen ins Feld gezogen, 119 mussten dort ihr Leben lassen.
Die Beschäftigungslage war also trist, besserte sich
in der Folgezeit zwar, aber die allgemeinen Lebensbedingungen
wurden immer schlechter. Einzelpersonen und ganze Belegschaften
wurden zur Kriegsdienstleistung herangezogen - Beschäftigungen,
die weit außerhalb jedes gewerkschaftlichen Einflusses
standen. Über Forderungen eines 1916 von der Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei und den Freien Gewerkschaften einberufenen
Arbeitertages wurden Beschwerdekommissionen zur Regelung von
Lohn- und Arbeitsverhältnissen der Kriegsdienstleistenden
installiert. Unter anderem wurde bestimmt, dass sich der Beschwerdeführer
auch durch Berufsgenossen oder Berufsvereinigungen vertreten
lassen könne. Das kommt einer ersten gesetzlichen Anerkennung
der Gewerkschaften als Rechtsvertreter ihrer Mitgliedern gleich.
In Wechselwirkung zu den verheerenden Begleitumständen
und Folgen des Ersten Weltkrieges betrachtet, fällt es
allerdings schwer, sich über diesen Erfolg zu freuen.
Aber neben der bedauernswerten Tatsache, dass die internationalen
Verbindungen der Arbeiterparteien und Gewerkschaftsverbände
den Kriegsausbruch nicht verhindern konnten, müssen wir
noch eine Lehre aus dem tragischen Geschehen stellen: Problemanhäufungen
oder Notstand dürften die Sinne der Mitglieder für
Schuldzuweisungen trüben. So konnten in einer Zeit der
Hochkonjunktur der Rüstungsindustrie für die Beschäftigten
gewisse Lohnzuwächse erzielt werden, während für
die im darniederliegenden Druckereigewerbe arbeitenden Kollegen
nur einige meist unzureichende Teuerungszulagen realisiert
werden konnten. So wurde in Fehleinschätzung der Sachlage
die Organisationsleitung dafür verantwortlich gemacht.
Bis in die Gegenwart erleben nun unsere Funktionäre und
Sekretäre bei allen möglichen Anlässen ähnliches.
Da werden etwa Betriebe von Besitzern und ihnen bestellten
Geschäftsleitungen an den Rand des und leider häufig
auch in den Abgrund geführt. Seitens unserer Gewerkschaft
wird dann sofort versucht, die bestehenden Rechte der Mitglieder
zu wahren. Kommt es dann aber aus irgendwelchen Gründen
zu Verzögerungen der Auszahlung von zuerkannten Lohn-/Gehaltsanteilen,
dann machen die betroffenen Kollegen für die Misere nicht
den Eigentümer oder deren Geschäftsführung
als Urheber der Betriebs- und Arbeitsplatzgefährdung
verantwortlich, sondern ihre Gewerkschaft. Welche Fehleinschätzung.
Vielleicht ändern die nächsten 150 Jahre unserer
Geschichte dies in der Weise, dass der Blick unserer Mitglieder,
die in beruflich schwierige Situationen geraten, klarer bleibt.
Dabei kann man natürlich die Missgunst unserer Kollegen
ihrer Gewerkschaft gegenüber noch mit einem gewissen
Maß an Verständnis begegnen, soweit man dies mit
Hunger, Not und Angst erklären kann. Immerhin waren bis
1918 die Höchstpreise für die Grundnahrungsmittel
- die überdies nicht in ausreichender Menge zur Verfügung
standen - um das Drei- bis Zehnfache (300 bis 1000 Prozent)
angestiegen, während die Löhne der nicht in der
Kriegsindustrie Beschäftigten nicht einmal verdoppelt
wurden (60 bis 80 Prozent). Am 3. November 1918 wurde der
Waffenstillstand zwischen Österreich-Ungarn und der Entente
unterzeichnet. Die unter Dr. Karl Renner als erstem Kanzler
gebildete Exekutive rief am 12. November 1918 die Republik
aus, und im Februar 1919 fanden die ersten Nationalratswahlen
statt. Der Vielvölkerstaat des Kaiserreiches war zerfallen.
Kein Zweifel besteht wohl, dass der Weltkrieg die tragischste
Problemlösung war, weil er - wie wir heute wissen - die
Probleme nur zum Teil löste, zum Teil aber neue schuf.
Die direkten Auswirkungen waren jedenfalls katastrophal, die
wirtschaftliche Situation in dem neuentstandenen kleinen Staatsgebilde
Österreich ist kaum beschreibbar. In dem allgemeinen,
von Not gekennzeichneten Chaos war es den graphischen Betrieben
nicht möglich, ihren Aufträgen - soweit es solche
überhaupt gab - nachzukommen. Es mangelte an Papier und
Arbeitsstoffen, der inländischen Papierindustrie fehlten
vor allem auch die Produktionsmittel. Sorgenvolle Zeiten waren
auch für unsere Gewerkschaft gekommen. An erster Stelle
stand da das rapide Ansteigen der Arbeitslosen. So waren in
der ersten Woche 1918 - 139 Kollegen zur Vermittlung vorgemerkt.
In der zweiten Woche 421, die auf 760 anstiegen und zum Jahresende
1918 knapp die Zahl 1400 erreicht hatten.
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Als
Instrument gegen die Arbeitslosigkeit wurde mit 4. November
1918 vom Staatsamt für soziale Fürsorge die Installation
einer effektiven Arbeitsvermittlung bestimmt. Arbeiter und
Angestellte der Kriegsindustrie sowie heimkehrende Soldaten
sollten umgehend an zeitgemäße Arbeitsplätze
gebracht werden.
- Mit
6. November 1918 wurde zum ersten Mal eine Arbeitslosenunterstützung
zur Milderung der ärgsten Not eingeführt.
- Mit
26. April 1919 wurde vorgesehen, dass Betriebe mit mehr
als 20 Beschäftigten zwangsweise einen Arbeiter aufzunehmen
hatten.
- Ab
Ende Mai 1919 zahlte jedes Mitglied unserer Gewerkschaft
5 Kronen für an Arbeitslose zu zahlende Unterstützungen.
Die
schon in den früheren Kollektivverträgen der Buchdrucker
anerkannten Vertrauensmänner erhielten durch das Betriebsratsgesetz
vom 15. Mai 1919 eine gesetzliche Basis und Beschäftigtenschutz.
Auf
freier Vereinbarung beruhend und an lange Dienstzeiten im
Betrieb gebunden gab es für Beschäftigte in unseren
Berufen häufig schon bescheidene, urlaubsähnliche
Freizeitgewährungen. 1920 klang die Ära Ferdinand
Hanusch aus. In der kurzen Zeitspanne von knapp zwei Jahren
haben die Sozialdemokraten die Grundlage zum heutigen Sozialstaat
Österreich geschaffen. Eine Leistung, die uns Heutigen
noch Achtung abringen kann und uns eigentlich veranlassen
sollte, mit eiserner Konsequenz hinter den heutigen Gesetzen,
wie beispielsweise Arbeitsverfassungs- oder Arbeitszeitgesetz,
zu stehen.
Nun aber war der Regierungskahn wieder ins alte Fahrwasser
gelangt. "Die Christlichsozialen und Deutschnationalen
fühlten sich mit fortschreitender Stabilisierung der
Republik stark genug, den sozialdemokratischen Koalitionspartner
aus der Regierung zu drängen. Durch ihren massiven Widerstand
gegen die Vorschläge der Sozialisten zur Sanierung der
Wirtschaft war die Wahrung der Interessen der Arbeiterschaft
in einer gemeinsamen Regierung mit den Bürgerlichen nicht
mehr möglich. Auch ein Weiterführen der Reformen
war nicht mehr zu realisieren. Da von der Parteibasis her
Widerstand gegen diese Koalition bestand, war es dann die
logische Folge, dass die Sozialdemokraten im Herbst 1920 aus
der Regierung ausschieden." Als ganz wichtiges Resultat einer
gewandelten Sozialszene in Österreich war noch ein Alters-
und Invaliditätsversicherungsgesetz erwartet worden.
Aber das Unternehmertum war nun wieder erstarkt und ließ
jede Bereitschaft zur Entrichtung einschlägiger Abgaben
missen. Zwar wurde am 1. April 1927 ein Gesetz zur Durchführung
der Altersfürsorge angenommen, jedoch in einer Fassung,
die es praktisch undurchführbar machte, weil es an einen
sogenannten Wohlstandsindex (Weniger als 100.000 Arbeitslose
im Jahr) gebunden war. Was blieb, war eine Fürsorgeunterstützung
für schon mehr als Bedürftige im Maße eines
kläglichen Almosens. Es wäre schön und für
die im konservativen Lager geistig Beheimateten angenehm,
könnte man es bei diesen Feststellungen belassen. Aber
das geht nicht, auch nicht bei einer noch so kurzen Skizzierung
der Geschichte einer österreichischen Gewerkschaft, die
sich als Teil der österreichischen Arbeiterschaft versteht.
Der erzielte soziale Fortschritt hatte in den Feinden der
Arbeiterklasse Hass entfacht, der sich gegen Sozialdemokratie
und Gewerkschaft richtete. Und wie sich zeigen sollte, ging
das bis zur Selbstvernichtung. So wurden in den Jahren nach
dem Weltkrieg von den Christlichsozialen des Auslandes und
der inländischen Industrie die Heimwehren organisiert.
Anfänglich gegen Angriffe der Nachbarstaaten und gegen
die Gefahren des Bolschewismus gegründet, wurden die
Heimwehren immer mehr Instrument zur gewaltsamen Unterdrückung
der Arbeiterschaft und Sozialdemokratie.
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Was
auf dem Weg der Wahlen nicht gelang, sollte durch brutalen
Terror erreicht werden: Eroberung der Macht im Staat und Abschaffung
des Parlamentarismus. Der Wirtschaft passte das ins Konzept.
"Im März 1921 wurde in einer Sitzung des Hauptverbandes
der Industriellen der Steiermark beschlossen, dass die Großbanken,
die Industriellen und die Großgrundbesitzer jährlich
fünf Millionen Kronen aufbringen werden, um die Heimwehr
in der Steiermark schlagkräftig zu machen. So hatte zum
Beispiel der Industriellenverband seine Mitglieder verpflichtet,
ein Prozent der gesamten Lohnsumme an die Heimwehren abzuführen."
Der Konzern der Leykam-Josefsthal AG stellte im Herbst 1922
allein den Betrag von 22 Millionen Kronen zur Verfügung.
Etwa zu dieser Zeit deklariert sich die Heimwehr in einem
Schreiben an die Mitglieder des Verbandes der Papier- und
Zellulose-Industriellen: "Zu ihrer Orientierung teilen
wir Ihnen ganz vertraulich mit, dass die eingehenden Beträge
der gesamten Industrie Österreichs dazu verwendet werden,
um die Heimwehr zu organisieren, damit im Falle einer Katastrophe
unsere Werke geschützt werden." Das
braucht man wohl nicht zu kommentieren. Aber auch die Anhänger
des Legitimitätsprinzips (gesammelt in der "Ostara")
sowie die Nationalsozialisten ("Deutsche Wehr") riefen
antiparlamentarische Organisationen ins Leben, und als "Sammelbecken
für alle Kreise, die sich die Pflege konservativer Ideale
zum Ziel setzten, diente die "Frontkämpfervereinigung",
die alle Schattierungen vom "Monarchisten bis zum Nationalsozialisten"
umfaßte. Die Frontkämpfervereinigung trat als Saalschutz
bei Aufmärschen in Erscheinung. Dieser Entwicklung begegneten
die Sozialdemokraten mit der Bildung der Arbeiterwehr, ab
Mai 1924 "Republikanischer Schutzbund". Als Ordnerorganisation
und zur Verteidigung der Republik gedacht (militärische
Leitung: General Dr. Theodor Körner), skizziert ihr Obmann,
Dr. Julius Deutsch, das Ziel: "Die Arbeiterbewegung will
den Weg zum Sozialismus friedlich zurücklegen. Die Ordnerorganisation
soll dazu beitragen, dass dieser Weg von den faschistischen
Wegelagerern freigehalten wird." Die "christlichsozialen"
und konservativen Kampfgruppierungen radikalisierten die Szene
aber zusehends und verhielten sich, als hätten sie einen
staatlichen Freibrief für Terror und Mord. In einigen
Mordfällen an Schutzbündlern gab es Freisprüche
beziehungsweise geradezu lächerliche Strafen. So entwickelte
sich in den zwanziger Jahren eine Bürgerkriegsstimmung
progressiver Intensität, in der die Wut der Arbeiterschaft
immer mehr an- und die Erträglichkeitsgrenzen der Sozialdemokratie
überstieg. Von diesen Begleitumständen geprägt
kam das Jahr 1927 nicht nur zu dem schon angeführten,
wie zum Hohn und Spott der Betroffenen abgefassten Gesetz
zur Durchführung der Altersfürsorge, sondern auch
zu dem alle Gerechtigkeit spottenden Fehlurteil im Falle der
Schattendorfer Morde. Der Hergang ist bekannt. Am 30. Jänner
1927 wurden bei einer sozialdemokratischen Kundgebung in Schattendorf
(Burgenland) ein Kriegsinvalide und ein achtjähriger
Bub von Angehörigen der Frontkämpfervereinigung
erschossen. Diese leugneten das erst gar nicht lange: In den
Abendstunden des 14. Juli 1927 erfolgte ihr Freispruch durch
ein Wiener Geschworenengericht. Am Morgen des 15. Juli kam
es dann zu Kurzstreiks der Elektrizitätsarbeiter und
Straßenbahner. Die zornerfüllte Arbeiterschaft
zog zum Ring, vor das Rathaus und Parlament, um gegen den
Freispruch der Mörder zu demonstrieren. Im spontanen
Auftreten der wütenden Menge kam es zum Zusammenstoß
mit der berittenen Polizei, die sich vor der Übermacht
in den Justizpalast zurückzog, wohin ihnen aber Demonstranten
folgen konnten. "Aktenbündel wurden auf die Straße
geworfen, brennende Papierbündel zurückgeschleudert,
in kurzer Zeit stand der Justizpalast in Flammen. Erst mit
Hilfe der inzwischen eingetroffenen Schutzbundabteilungen
gelang es der Feuerwehr nach mehrmaligen Versuchen, zum Justizpalast
vorzudringen." Die Bevölkerung war in hohem Maße
aufgebracht. Bundeskanzler Dr. Ignaz Seipel lehnte eine politische
Lösung zur Beruhigung der Situation (Koalitionsregierung
über Vorschlag der Sozialdemokraten) strikte ab und ordnete
an, Polizeipräsident Dr. Johannes Schober müsse
die Unruhen mit allen Mitteln niederschlagen. 600 bewaffnete
Polizisten töten so in einer etwa dreistündigen
Schießerei 86 Menschen, unter ihnen auch Kinder, verwundeten
an die 1000 Personen, auch vier Polizisten kostete das Gemetzel
das Leben.
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Die
von Industrie, Banken und dem Ausland weiter tatkräftig
unterstützten, auch von Bundeskanzler Dr. Ignaz Seipel
geförderten Heimwehren wurden in der Folgezeit immer
dreister in ihrem faschistischen Verhalten: Der Austrofaschismus
zum Sturz der Demokratie 1934 in Österreich hatte seinen
Anfang genommen. Auf dem Weg dorthin waren freie Gewerkschaften
natürlich ein großes Hindernis. Also musste gegen
sie und ihr Wirken etwas unternommen werden. Die Unternehmer
und Großindustriellen versuchten, ihre Widersacher durch
Bildung der sogenannten "gelben Gewerkschaften" zu spalten.
Auch die Gründung der "Unabhängigen Gewerkschaften"
(Mai 1928) unter der Ägide der grundsätzlich militant
gegen die Sozialdemokraten und freien Gewerkschaften vorgehenden
Heimwehren muss hier angeführt werden. Mit dem Antiterrorgesetz
vom April 1930 schufen sich die heranwachsenden Diktatoren
eine weitere Handhabe zum Niederschlagen der freien Gewerkschaften.
Die Abwehr von Gegnern der Arbeiterbewegung galt als Terror,
die Verhinderung von Gesetzesverletzungen oder die Verhinderung
von Verschlechterungen sozialer Errungenschaften wurden als
schwere Gesetzesübertretungen gewertet und unter Strafe
gestellt. Weiters untersagte dieses durch und durch reaktionäre
Gesetz das Inkasso von Gewerkschafts- oder Parteibeiträgen,
diese konnten überdies für die Dauer von drei Jahren
zurückgefordert werden. Die Werbung von Mitgliedern wurde
als Terror ausgelegt. Wer ein Nichtmitglied darauf aufmerksam
machte, dass es eigentlich unmoralisch sei, wenn er die gewerkschaftlichen
Errungenschaften für sich nutzte, machte sich der vom
Gesetz her verbotenen Einschüchterung schuldig, und die
freiwillige Arbeitsannahme - also der Streikbruch - durfte
nicht eingeschränkt werden. Zuwiderhandlungen wurden
strikte bestraft. Dieses Gesetz richtete sich mit ganzer Kraft
gegen die Arbeitnehmerschaft. Es wurde in keinem Fall gegen
die den wahren Terror ausübenden Unternehmer angewendet.
Wirtschaftskrise - Bekämpfung durch Zerschlagen der Arbeiterrechte?
Rund 200.000 eine Unterstützung beziehende Arbeitslose
und an die 40.000, die keinerlei Zuwendung erhielten, mussten
Anfang 1926 gezählt werden. Im Jahre 1933 waren es 557.000,
und der Anteil der Ausgesteuerten wurde immer größer.
Unternehmer und Industrie versuchten mit allen Mitteln, ihren
Besitzstand zu sichern. Dazu schien ihnen die Zerschlagung
der Arbeiterrechte gerade recht zu sein. Der klassische kapitalistische
Weg wurde eingeschlagen: Kündigungen, Kürzung der
Löhne, Kurzarbeit, überhaupt Zerschlagen des schnell
gewachsenen sozialen Fortschritts und als Voraussetzung dafür
Niederwerfen und Auflösen der Sozialdemokraten und freien
Gewerkschaften. Nachdem die Konservativen die hierfür
notwendige Machtposition - wie schon angeführt wurde
- auf dem Wege legaler Wahlen nicht erreicht werden konnte,
mussten Not und Gewalt her.
Eine
Zwischenbilanz
Bei dem Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg handelte es sich
um eine Zeitspanne, in der in einer verhältnismäßig
kurzen Phase gewaltige Fortschritte für die österreichische
Arbeiterschaft erreicht werden konnten. Es war aber auch eine
Zeit, in der eine unvorstellbare Inflation zu bewältigen
und eine vernichtende Wirtschaftskrise zu verzeichnen war,
die ein Ende der ansteigenden Not und des zunehmenden Elends
nicht erkennen ließ. In diese Periode fiel aber auch
der Beginn zur Sammlung der gewerkschaftlichen Kräfte
unserer Kollegen, und zwar durch Vereinigung des Gehilfen-
und Gewerkschaftsausschusses zu einer Personalunion. Taktische
Fragen und die neue Organisationsform wurden festgelegt. Das
Graphische Kartell fand Verwirklichung, ein wenig später
der Reichsverein. Alle Arbeiter in den Betrieben sollten in
einer Organisation zusammengefasst werden. "Daher sollten
Gehilfen und Hilfsarbeiter, männliche und weibliche,
einen gemeinsamen Weg gehen. Und der Zentralisationsgedanke
kam zur Geltung, der eine einheitliche Führung in der
Zentrale vorsah, der auch das Entscheidungsrecht in tariflichen
und organisatorischen Fragen zuerkannt werden sollte." Mit
dem Zerfall der Donaumonarchie ist natürlich auch die
Größe unserer Gewerkschaft geschrumpft. 1914: 1500
Betriebe mit rund 15.000 Gehilfen; 1919: 550 Betriebe mit
rund 8.000 Gehilfen. Aber das betraf eben nur die zahlenmäßige
Größe, aber nicht die Kraft.
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Mit
8179 aktiven und 285 invaliden Mitgliedern konnte 1920 eine
Organisationsdichte von 98 Prozent im neuen Österreich
festgestellt werden. Obgleich unsere Gewerkschaft auch heute
noch mit ihrer Organisationsstärke an der Spitze der
ÖGB-Verbände steht: 98 Prozent Organisationsdichte
insgesamt wäre eine ganz schöne Vorgabe für
eine Mitgliederwerbeaktion (der übrigens heute kein Antiterrorgesetz
entgegenwirkt). Neben der Bedeutung, die Gewerkschaft durch
ihre Mitgliedschaft stärken zu müssen, erkannten
die Kollegen damals aber auch, was schon erwähnt wurde,
aber immer wieder betont sei, dass es zur Gestaltung eines
sozialen wirtschaftlichen und politischen Umfeldes auch einer
starken politischen Beteiligung bedarf. Es war ihnen klar,
dass die Gewerkschaftsaufgaben nicht an eine politische Partei
zu delegieren sind, genauso wie es nicht möglich gewesen
wäre, die 1919 und 1920 erzielten Fortschritte in der
Sozialgesetzgebung über die Gewerkschaft allein zu realisieren.
Die Kollegenschaft unterstützte daher die Sozialdemokratische
Partei mit ganzen Kräften als die politische Partei,
die ihre Interessen vertrat. So mancher unserer Dienstnehmer
könnte heute ruhig vom Baume dieser Erkenntnis ein wenig
naschen. Der Untergang wird von den Arbeitergegnern angesteuert.
Bundespräsident Dr. Seipel war am 3. April 1929 zurückgetreten.
Ihm folgte bis September desselben Jahres der Industrielle
E. Streeruwitz. Nach ihm wurde der vormalige Polizeipräsident
Dr. Johannes Schober zum Bundeskanzler ernannt. Er entsprach
aber dem Machtstreben der Heimwehren auch nicht und wurde
im September 1930 abgesetzt. Die Neuwahlen 1930 - erstmals
kandidierten österreichweit auch Nationalsozialisten
- fielen trotz starkem Druck auf die Sozialdemokraten nicht
zur Zufriedenheit der Heimwehren aus. So wurde von diesen
am 13. September 1931 ein Versuch gestartet, die Staatsgewalt
an sich zu reißen. Die Aktion ging von der Steiermark
und von Oberösterreich aus, schlug aber nach Auseinandersetzungen
mit Schutzbündlern sowie nach dem Eingreifen von Militär
und Polizei fehl. Der Drahtzieher, Heimwehrführer Walter
Pfriemer, und die Putschisten wurden in einer Verhandlung
im Dezember 1931 - wie konnte es anders sein - freigesprochen.
Im April 1932 können die bisher unbedeutenden, organisatorisch
der deutschen Parteileitung unterstehenden Nationalsozialisten
bei den Landtags- und Gemeinderatswahlen Siege verzeichnen.
Im folgenden Mai übernimmt Dr. Engelbert Dollfuß
die Regierungsbildung. Jetzt kam die autoritäre Staatsführung
voll zur Geltung. Es ist nicht Sinn dieser Schrift, die weitere
Entwicklung des Austrofaschismus zu analysieren. Sein Ursprung
musste aber, wenn auch auf wenige Seiten komprimiert, aufgezeigt
werden. Denn nur in einem solchen Klima konnte es zum 12.
Februar 1934 kommen.
Die
Organisationen der Arbeiterschaft, die politische Partei,
die Gewerkschaften und die Kulturorganisationen wurden zerschlagen,
der Widerstand der proletarischen Kämpfer im Blut erstickt.
Was mühsam in jahrzehntelanger Arbeit unter unsäglichen
Opfern durch den Idealismus einer denkenden Gemeinschaft aufgebaut
worden war, wurde zerstört. Die brutale Gewalt hatte
Oberhand gewonnen. Maschinengewehre und Kanonen hatten den
traurigen Weg geebnet für eine rücksichtslose Diktatur.
Auch in unserer Gewerkschaft wurde an diesem Tag in der Kanzlei
die Anwesenden - darunter der Obmann und sein Stellvertreter
- verhaftet, die Türen abgesperrt und versiegelt. Die
Verbindung der Betriebsräte untereinander war abgerissen.
Einige von ihnen folgten dem Beispiel der Arbeiter der Elektrizitätswerke,
die ja nach dem Angriff der Söldnerhorden mit der Stromabschaltung
folgen sollte, und streikten. Diese Betriebsräte wurden
sofort hinter Schloss und Riegel gesetzt. Die Personale waren
eingeschüchtert und verwiesen auf die unveränderte
Situation in Betrieben anderer Berufe. Und die Arbeitslosen?
Sie wurden vom Arbeitsamt in die stillgelegten Betriebe geschickt
und - gingen. Der Chronist unterstreicht, dass aber keinesfalls
Gesetze oder der Tarif verletzt worden wären. Aber die
schwere Krise hatte den Widerstand, den Mut zur Abschüttlung
ihres traurigen Daseins gebrochen. Es war also doch eine Situation
entstanden, die solidarische Opfer ad absurdum führte.
So war es besser, die gewachsenen Gemeinschaften zu erhalten
und die früheren Dienstnehmer in die Unternehmungen zu
bringen.
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"So
fielen Bastionen, in jahrzehntelangem Kampf und mit schweren
Opfern an Gut und Freiheit aufgebaut." Als einer der ersten
Maßnahmen nach den Februarkämpfen wurden die freien
Gewerkschaften aufgelöst, ihre Funktionäre, aber
auch Betriebsräte und Funktionäre der Selbstverwaltungseinrichtungen
(Sozialversicherung) verfolgt. Alle freigewerkschaftlichen
oder sozialdemokratischen Betriebsräte verloren ihr Mandat
durch Regierungsanordnung, (21. Februar 1934). Im März
installierte die Regierung die "Einheitsgewerkschaft",
um "im Geiste des Christentums, der sozialen Gerechtigkeit
und Liebe zum Vaterland", so hieß es, "den Arbeitern
und Angestellten eine wirksame Interessenvertretung zu sichern
und ihre Eingliederung in den berufsständischen Aufbau
der Gesellschaft vorzubereiten". Der Zulauf zu den Christlichsozialen
blieb freilich aus, und das Gewerkschaftsleben war zwischenzeitlich
wie gestorben. Für die Organisation der Buchdrucker,
Buchbinder und Senefelder wurde behördlicherseits ein
Regierungskommissär eingesetzt, dann kam es zur Freigabe
der zunächst konfiszierten Kassenbestände aller
Verbände. Ab 4. März 1934 konnten wieder die Unterstützungszahlungen
geleistet werden. In Anbetracht der vielen Hunderten von Fürsorgebedürftigen
halfen Funktionäre unserer aufgelösten Organisation
dabei mit, im vollen Wissen, dass dies in der Kollegenschaft
auch Kritik auslösen würde. Etwa zur gleichen Zeit
im März/April 1934 entstanden Gewerkschaften in der Illegalität.
Die Sozialdemokraten ("Siebenerkomitee") und Kommunisten
("Wiederaufbaukommission") bildeten gemeinsam den illegalen
"Bund der Freien Gewerkschaften". Dieser errichtete in
Brünn eine internationale Verbindungsstelle, wo auch
Konferenzen abgehalten wurden. Am 25. Juli 1934 erlag der
Festiger des Austrofaschismus, Dr. Engelbert Dollfuß,
bei einem an und für sich fehlgeschlagenen Putschversuch
der Nationalsozialisten einem Mordanschlag. Dr. Kurt Schuschnigg
trat Dr. Dollfuß´ Nachfolge an. Trotz ihrer Illegalität
traten die "Freien Gewerkschaften" gelegentlich in Erscheinung.
Wohl zuletzt am 7. März 1938 mit einer Versammlung im
Floridsdorfer Arbeiterheim.
Unter
Beiseiteschieben allen Gewesenen versuchten sie, Dr. Kurt
Schuschnigg zur Errichtung einer österreichischen Front
gegen den Nationalsozialismus Hitlers zu bewegen. Der Bundeskanzler
zögerte aber, zögerte zu lange. Eine Woche darauf,
zu Vernunft gekommen, war es zu spät. Wenn bereits festgestellt
wurde, dass es nur in diesem schon von gegen die Arbeiterschaft
gerichteten Terror und Gewalt geprägten Klima zu den
Ereignissen von 1934 kommen konnte, so muss man unterstreichen,
dass erst die folgende Politik der Machtzuteilung an gruppenegoistische,
gesellschaftspolitisch kurzsichtige und wirtschaftspolitisch
unfähige Kreise sowie die Eingliederung der neuen "christlichsozialen"
Gewerkschaften in diesen Machtkreis die Struktur Österreichs
dermaßen spaltete, dass ein Jahr 1938 in der erlebten
Form erst zustande kommen konnte. Jetzt möge aber keiner
mit der Weisheit kommen, daß viele Sozialisten ohnedies
den Anschluss an Deutschland wollten. Das Deutschland Hitlers
1938 hatte schon längst nichts mehr mit dem Deutschland
gemein, in das Dr. Karl Renner Deutsch-Österreich 1918
führen wollte, was ja nach dem Versailler Vertrag (Art.
80) nicht ermöglicht worden war. Und bewusste Irreführung
ist es, der Okkupation Gutes anzudichten, etwa was die Vermittlung
von Arbeitslosen oder überhaupt die Beseitigung der Arbeitslosigkeit
betrifft. Die überwiegende Mehrheit der Zwangsvermittlungen
endete in oft menschenunwürdigen Arbeitsverhältnissen.
Mit der ohne militärischen Widerstand, aber immerhin
gewaltsam erfolgten Besetzung Österreichs nahm das auf
sieben Jahre komprimierte "tausendjährige" Großdeutsche
Reich seinen Anfang: Es währte eben nur sieben Jahre
und hinterließ ein Erbe, als hätte es tatsächlich
tausend Jahre drauflos wüten können. Mit der Besetzung
Österreichs fielen die letzten von den hierorts herrschenden
Diktatoren im Taschenbuchformat verbliebenen Freiheiten. Das,
was sich Gewerkschaften nannte, der christliche Gewerkschaftsbund
mit seinem ständischen Aufbau, wurde aufgelöst,
und die DAF (Deutsche Arbeiterfront) täuschte gewerkschaftliches
Tun erst gar nicht vor. Unser Gewerkschaftshaus, seit 1927
im Besitz des Reichsverbandes stehend und 1934 von der Regierungsgewerkschaft
belegt, wurde nun von der DAF besetzt.
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Diese
verlegte die Geschäfte dann an ihren Sitz in der Theobaldgasse
und verkaufte das Haus Ecke Seidengasse/Zieglergasse. Über
Löhne und Arbeitsverhältnisse befand ein "Reichstreuhänder
der Arbeit", der auch sonst für alle Fragen des wirtschaftlichen
Lebens zuständig war. Wirksam war damals das Gesetz "Ordnung
der nationalen Arbeit". Es dominierte auf dem Gesetzessektor,
österreichische einschlägige Gesetze und Kollektivverträge
verloren ihre Gültigkeit, die diesbezüglichen deutschen
Normierungen brachten nur Verschlechterungen. "Der Kampfgeist
der graphischen Arbeiter erlahmte auch in dieser Zeit nicht.
Sie wehrten sich gegen unwürdige Zustände, gegen
die Unterdrückung, gegen Zwang, gegen die Unfreiheit."
Lang ist die Liste unserer Mitglieder, die dem Nazitum zum
Opfer fielen. Sie umfasst Buchdrucker, Senefelder und Buchbinder,
Funktionäre, Gehilfen und Hilfsarbeiter in gleicher Weise.
Männer und Frauen, derer wir heute nur gesenkten Hauptes
in Ehrfurcht gedenken können und in deren Sinne wir für
Recht und Freiheit eintreten wollen. Wie immer und überall,
wo Freiheit verlorengeht, gab es in unseren Berufen durch
Reduzierung der gedruckten Meinungsvielfalt Beschäftigungseinbrüche.
Freilich, Stellensuche war jetzt kein Problem mehr. Die Betroffenen
wurden ganz einfach zwangsweise zum Autobahnbau oder in die
Rüstungsindustrie beordert. Und das ja auch nicht für
lange Zeit. 1939 wurden die meisten ins Feld gerufen. Nun
nicht "viribus unitis" für Kaiser und Vaterland,
sondern um für "Führer, Volk und Vaterland"
zu sterben. Eine Gruppe Größenwahnsinniger der
deutschen "Kulturnation" hatte zur Eroberung der Welt
angesetzt und den Zweiten Weltkrieg begonnen. In der Geschichte
der Gewerkschaftsbewegung war eine riesige Lücke gerissen.
Nur ganz wenige Männer und Frauen beschäftigten
sich in diesen Tagen mit möglichen Formen einer zukünftigen
Gewerkschaftsarbeit.
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1945
fand der Schrecken sein Ende. Europa erlebte eine Neuordnung,
Österreich eine Wiedergeburt - jetzt als Zweite Republik
- und die Gewerkschaften nahmen einen neuen Anfang, für
viele von uns bereits erlebte Geschichte. Dieser Zweite Weltkrieg
hatte ein von den vier Siegermächten besetztes, wirtschaftlich
total zerstörtes, im wahrsten Sinne des Wortes darniederliegendes
Österreich zurückgelassen. Insgesamt in einer wesentlich
ungünstigeren Situation als etwa nach dem Ersten Weltkrieg.
Es war eine gewaltige Aufbauarbeit zu leisten, und es war
klar, dass diese auf die Arbeiter und Angestellten zukommen
würde. Ihrer Bedeutung dabei entsprechend sollte daher
auch ihre Stellung im neuen Staat von Beginn an gesichert
sein. Schon vor der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen
Wehrmacht (7. Mai 1945) wurde am 13. April 1945 in der Wohnung
des späteren stellvertretenden Vorsitzenden der Gewerkschaft
der Bau- und Holzarbeiter in Anwesenheit der Kollegen Böhm,
Gottlieb, Pfeffer und Vizthum die GRUNDIDEE FÜR DEN ÖSTERREICHISCHEN
GEWERKSCHAFTSBUND geboren, dessen GRÜNDUNG AM 15. APRIL
1945 im Direktionsgebäude der Wiener Westbahn beschlossen
und am 30. April 1945 von der Sowjetischen Militärkommandantur
bewilligt wurde.
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Franz
Jonas im Gespräch mit einigen Funktionären
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Kurz
nach Gründungsbeschluss wurde mit dem Aufbau der Organisation
begonnen. Es war vereinbart worden, dass dies unter der
Beteiligung der drei angemeldeten Parteien (SPÖ, ÖVP
und KPÖ) ablaufen sollte. Der ÖGB selbst blieb
wie vorgesehen überparteilich, die Vertretung seiner
Ziele und Aufgaben in den genannten Parteien erfolgte durch
die innerhalb der Gewerkschaften und des ÖGB gebildeten
Fraktionen. An die Arbeiter und Arbeiterinnen erging die
Aufforderung, am Wiederaufbau der Betriebe mitzuhelfen.
Unter unbeschreiblichen Umständen machten sie sich
an die Arbeit, so dass die österreichische Wirtschaft,
wenn auch unter unglaublich schwierigen Umständen und
anfänglich dementsprechend langsam, so doch wieder
in Schwung kommen konnte. ÖGB-Präsident Johann
Böhm hatte in der provisorischen Regierung das Staatssekretariat
für soziale Verwaltung übernommen; ihm folgte
nach den Wahlen 1945 Karl Maisel, Vorsitzender der Gewerkschaft
der Metall- und Bergarbeiter, zwei Männer also, die
um die Notwendigkeit einer zukunftsorientierten Sozialpolitik
Bescheid wussten und diese auch garantierten. Daneben wirkte
der ÖGB in den ersten Jahren des Wiederaufbaues auch
österreichweit gesamtwirtschaftlich, inflations- und
notstandsmildernd mit insgesamt fünf, nicht immer unumstrittenen
Lohn- und Preisabkommen. Das erste dieser Art wurde am 1.
August 1947 abgeschlossen. Es führte nicht ganz zum
erwünschten Erfolg, weil man sich bei der Preisgestaltung
nicht an das Abkommen hielt. Zur Verhinderung größerer
Inflationseinbrüche wurde mit einem Währungsschutzgesetz
1947 eine Währungsreform durchgeführt. Beträge
bis 150 Schilling wurden 1 : 1, höhere Beträge,
Guthaben und Spareinlagen 3 : 1 umgetauscht. Das zweite
Lohn- und Preisabkommen folgte im Oktober 1948, das dritte
mit Ende Mai 1949. Mit Unzufriedenheit wurde das vierte
Preisabkommen von den Arbeitnehmern aufgenommen. Neben einigen
Streiks wollten vor allem die Kommunisten die Gelegenheit
wahrnehmen, Betriebe zu besetzen. Ihr Wollen war aber leicht
durchschaubar und wurde von den Beschäftigten selbst
verhindert. Mit einem fünften Lohn- und Preisabkommen
(9. August 1951) wurde die Reihe dieser Abkommen abgeschlossen.
Mit diesen generellen Lohn- und Preisregelungen wurden zweifellos
schwächeren Gruppen Lohnzuwächse gesichert, die
sie auf sich allein gestellt nicht erreicht hätten.
Mit der Akzeptanz dieser wirtschaftsorientierten Lohnabkommen
hat aber die arbeitende Klasse ihrem Land und der Wirtschaft
große politische und finanzielle Schwierigkeiten erspart.
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Auch
unsere Gewerkschaft wird wieder aktiv. Erreichbare Kollegen
unserer Gewerkschaft traten am 18. April 1945 zu einer ersten
informativen Sitzung zusammen, um einen provisorischen Ausschuss
zu bilden. Die damals festgelegten Strukturen des ÖGB
bestehen - abgesehen vom Zusammengehen einiger Gewerkschaften
- heute noch, und sie liegen auch unserer Gewerkschaft Druck, Journalismus, Papier - bis 1965 Gewerkschaft der Arbeiter der graphischen
und papierverarbeitenden Gewerbe Österreichs - zugrunde.
Unsere früheren Organisationen der Buchdrucker, Buchbinder
und Senefelder wurden österreichweit zusammengeschlossen.
Dazu die Geschäftsordnung: "Die Gewerkschaft Druck, Journalismus, Papier ist die Organisation für alle Arbeiter und
Arbeiterinnen, technischen Angestellten und Lehrlinge jeden
Geschlechtes, die in Hoch-, Tief-, Siebdruckereien, Satzherstellungsbetrieben,
kartographischen Anstalten, Schriftgießereien, Reproduktionsanstalten,
Druckereien nach einfachen Verfahrensarten; Vervielfältigungsanstalten,
Buchbindereien, in Papierkonfektions-, Kartonage-, Verpackungs-,
Wellpappe-, Etui-, Zigarettenhüllenbetrieben oder in
sonstigen papierverarbeitenden Betrieben, in photographischen
Anstalten oder in Unternehmungen beschäftigt sind, die
sich mit dem Expedit, dem Vertrieb und/oder der Zustellung
von Tages- und Wochenzeitungen beschäftigen."
Innerorganisatorisch wird die Struktur unserer Gewerkschaft Druck, Journalismus, Papier durch die Geschäftsordnung, regional
in Landesstellen (Oberösterreich, Salzburg, Tirol, Vorarlberg,
Steiermark und Kärnten) beziehungsweise eine Landesgruppe
(Wien, Niederösterreich, Burgenland) gegliedert. Die
fachliche Zusammensetzung sieht drei Berufsgruppen vor, und
zwar
- den
Druckvorbereich,
- Druck
und
- die
Weiterverarbeitung.
Die direkte Willensbildung geht regional von der Kollegenschaft
in den Betrieben über die Ortsgruppen, über die
Landesstellen beziehungsweise über die Landesgruppe aus,
werden nach Beratung vor den Zentralvorstand, vor die Länderkonferenzen,
vor das Präsidium der Gewerkschaft und vor den Gewerkschaftstag
als höchstem Forum gebracht. Des weiteren gibt es eine
direkte Vertretung der Kollegenschaft aus den Betrieben in
den Fachgruppen, von wo aus die Interessen ebenfalls den Weg
über die angeführten Gremien gehen. Seit dem Jahre
1945 wurde die Geschichte der Gewerkschaft Druck, Journalismus, Papier
durch die Bildung des österreichischen Gewerkschaftsbundes
mit diesem auf das Engste verbunden. Die politischen und gesellschaftlichen
Veränderungen wurden seither im Einklang mit dem ÖGB
gemeinsam durchgesetzt. Bei den damit verbundenen Verbesserungen
im Arbeitsrecht konnte die dup aber auch nach 1945 ihre durch
viele Jahre erworbene Vorreiterstellung fortsetzen, und dies
kann noch an anderer Stelle dieser Homepage nachgelesen werden.
Herausgeber: Gewerkschaft Druck, Journalismus, Papier - Graphischer Bildungsverband,
Seidengasse 15-17, 1070 Wien. Tel.: 01/523 82 31
nach
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